Arbeitermilieu

2. Der Dresdner Arbeiter in seinem Milieu

Kaum eine soziale Gruppe hatte sich im deutschen Kaiserreich so stark in einer „Eigenwelt“ organisiert, wie die Arbeiter im Umfeld der SPD und der freien Gewerkschaften. Waren gerade Vereine nach der Französischen Revolution in allen Staaten Europas ein zentrales, aber allgemeines Merkmal gesellschaftlicher Selbstorganisation jenseits der staatlichen Kontrolle, so stellte das Vereinswesen für die Sozialdemokraten zudem den „sozialen Kitt“ innerhalb ihrer Gruppe dar. In der Zeit des Sozialistengesetzes (1878-1890) war es letztlich auch Fluchtpunkt und Möglichkeit, sich weiterhin zu versammeln. Diese beiden Faktoren trugen maßgeblich dazu bei, dass die SPD ein dichtes Netz von selbst organisierten und ehrenamtlich arbeitenden Vereinen aufbaute, die ähnlich der gewerkschaftlichen Organisation deutschlandweit in Verbände integriert waren. Und diese bestimmten letztlich auch die Struktur der eigenen Partei maßgeblich: Zur Jahrhundertwende war die SPD – in Sachsen hatte sie 1901 ca. 25.500 Mitglieder, davon ca. 2.600 in Dresden – in punkto Beteiligungsformen die fortschrittlichste Partei im Deutschen Reich. Diese Form innerer Organisation als ‚aktive Mitgliederpartei’ hat sie noch heute.

 

Hochburgen in Löbtau und der Neustadt

Die Zugehörigkeit zu diesem Milieu ergab sich vorrangig aus dem Einkommen. Die räumliche Konzentration der Arbeiterschaft in bestimmten Gebieten, etwa Löbtau oder die äußere Dresdner Neustadt, hatte zudem einen erheblichen Einfluss auf deren gemeinschaftliche Organisation. Es sei an dieser Stelle jedoch darauf hingewiesen, dass das sozialdemokratische Milieu keineswegs die einzige „Anlaufstelle“ der Arbeiter war. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten sich beispielsweise national orientierten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine. Um 1900 kamen auch in Sachsen verstärkt die christlichen Arbeitervereine und Gewerkschaften hinzu, die in bestimmten Regionen des Königsreiches erheblichen Einfluss entwickelten.

 

"Von der Wiege bis zur Bahre"

Dieses Netz von Organisationen schuf vor allem Angebote für die Arbeiter, die sich so in ihrer Freizeit sportlich betätigen konnten – etwa in den in vielen Dresdner Stadtteilen nachweisbaren Arbeiterradsport- oder Arbeiterturnvereinen. Hinzu kamen Weiterbildungsmöglichkeiten durch ein dichtes Programm von Vorträgen und Seminaren in Arbeiterbildungsvereinen sowie durch freie Bibliotheken. Unter letztere ist für Dresden vor allem die Bibliothek im Gewerkschaftshaus zu nennen, die 1911 über mehr als 1.000 Bände verfügte. Diese Angebote waren indes nicht allgemein formuliert, sondern altersgruppenspezifisch organisiert. So existierte etwa seit 1908 ein Jugendbildungsverein der Dresdner Arbeiterschaft; hinzu kamen die umfangreichen Angebote von Organisationen wie der Sozialistischen Jugend oder der Naturfreundejugend. Jenes milieuspezifische „von der Wiege bis zur Bahre“ wurde neben dem dichten Vereinsnetz durch die lokal organisierten und sehr attraktiven, weil preiswerten Konsumvereine flankiert. So hatte etwa der Konsumverein Vorwärts, der größte von insgesamt vier sozialdemokratischen Konsumvereinen in Dresden, 1911 mehr als 27.000 Mitglieder.

 

In der Kneipe

Diese Form des „selbst organisierten Milieus“ schuf nicht nur Möglichkeiten der individuellen Freizeitgestaltung und Weiterbildung, sondern beförderte auch den Austausch – etwa über politische Themen und Probleme – innerhalb der sozialen Gruppe selbst. Als Ort dieses Austauschs spielte die Kneipe im Milieu der Arbeiter eine zentrale Rolle, waren doch hier – sofern der Inhaber der Wirtschaft ein Sympathisant der SPD oder der freien Gewerkschaften war – problemlos Zusammenkünfte und Sitzungen ohne Anmeldung durchführbar. Die meisten Gasthäuser verfügten nicht nur über eine Gaststube, sondern zumeist auch über einen separaten Versammlungsraum. Und tatsächlich konnte die Entscheidung eines Wirtes, wenn er in seinem Gastraum Versammlungen der „vaterlandslosen Gesellen“ abhalten ließ, existentielle Folgen haben. So war es beispielsweise den Soldaten der Dresdner Garnisonen bei Strafe verboten, in Lokalen zu verkehren, die der SPD oder den freien Gewerkschaften zugeordnet wurden. Und auf diese Weise entfiel eine große Zahl an potentiellen Kunden.
Partei und Gewerkschaften trafen sich in erster Linie aus finanziellen Gründen in der Kneipe, da eigene Lokale oder Häuser kaum tragbar waren. Zudem wurden Konzessionen für den Unterhalt solcher Institutionen nur durch die kommunale Verwaltung erteilt. Und deren stark konservative Personalbesetzung verhinderte dies auch in Dresden – erst 1903 konnte ein gewerkschaftliches Volkshaus seine Pforten öffnen, wo ebenso Büros der SPD untergebracht waren. In den Kneipen trafen sich dann nicht nur Organisationen oder Unterorganisationen der SPD, sondern das gesamte Vereinswesen des sozialistisch/sozialdemokratischen Milieus – die Arbeitergesangsvereine probten hier, die Arbeiterturner hielten hier ihre Sitzungen ab oder tranken das Bier nach dem gemeinsamen Sport und der freigewerkschaftlich organisierte Arbeiterschachklub veranstaltete hier seine Turniere.

 

Mode

Trotz aller sozialen Trennung waren die Arbeiter im Deutschen Kaiserreich in ihrer äußeren Erscheinung stark durch die Mode der bürgerlichen Gesellschaft und ihre öffentlichen Erscheinungsformen geprägt. So muten Bilder von Maidemonstrationen oder sonntäglichen Ausflügen oft wie bürgerliche Zusammenkünfte an – auch der Arbeiter im späten 19. Jahrhundert ging in Anzug mit Hut, Stock, die Arbeiterinnen in Kleidern mit Hut. Gleiches gilt für das Vereinswesen: Insbesondere die Sport- und Musikvereine traten in der Mode entsprechender Kleidung und zumeist einheitlich auf.

 
 

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